Ruhezone

von Udo Vetter

Manchmal spürt man Widerstände, bevor sie geäußert werden. Bei meiner Sitznachbarin im ICE war genau das unverkennbar. Sie schaute reichlich missbilligend über ihre randlose Brille, als ich mein Notebook aufklappte. Geradezu mörderische Blicke erntete ich, als ich mein Handy aus der Jackentasche zog, um das WLAN zu aktivieren.

“Sie wissen, dies ist eine Ruhezone”, sagte sie. “Ist mir bekannt”, entgegnete ich. “Aber in der Handyzone war nichts mehr frei. Deshalb habe ich hier einen Platz reserviert.” “Ja, und warum holen Sie dann Ihr Handy raus? Dies ist die Ruhezone.” Ich versuchte es mit Höflichkeit. Immerhin hatte ich es doch mit einer Frau zu tun, welche ein gewisses Niveau dadurch bewies, dass sie das neue Buch von Anke Domscheit-Berg las. Also, wenn sie nicht gerade mit mir stritt. So jemand musste doch gegenüber vernünftigen Argumenten aufgeschlossen sein.

“Selbstverständlich”, versuchte ich es, “respektiere ich Ihr Recht, nicht von Telefonaten gestört zu werden. Ich werde auch nicht telefonieren. Oder höchstens draußen auf dem Gang, wo Sie es mit Sicherheit nicht hören. Und mein Handy vibriert höchstens, davon hören Sie nichts.”

“Aber darum geht’s doch nicht.” Jetzt klang sie sogar ein bisschen wie Anke Domscheit-Berg. “Ruhezone bedeutet, Handys bleiben in der Tasche ...

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