Der nicht so trockene Jurist

von Jörg Schaller

Die Tätigkeit des Anwalts wird oft als trocken beschrieben. Manche Kollegen sind damit zufrieden, denn es entspricht ihrem Naturell, andere kompensieren. Der emotionale Jurist ist kein schlechterer Jurist, im Gegenteil. Solange er sich seines Charakters bewusst ist und damit umzugehen weiss, wird er sein Umfeld mehr polarisieren als ein nach außen immer bedacht wirkender Kollege. Ob die Polarisierung negativ oder positiv ist, spielt am Ende des Tages keine Rolle. Es zählt das Ergebnis und auch schlechte Werbung ist ja bekanntlich gute Werbung, wenn eine bleibende Erinnerung geschaffen wird.

Der eine Anwalt reagiert sich in Gerichtsschriftsätzen ab, wirft mit Adjektiven und Polemik um sich. Das ist zwar in Kollegenkreisen ungern gesehen, kann aber ungemein kathartisch für den so agierenden Kollegen sein (soweit er im Einzelfall dann auch genausogut einstecken wie austeilen kann).

Ich selbst habe einmal meinen damaligen verantwortlichen Partner vor Gericht in einer eigenen Forderungsangelegenheit begleitet; einen Menschen, der das Herz am richtigen Fleck hatte und der von den Angestellten bei Problemen immer als erster angesprochen wurde. "Heute reagiere ich mich mal ab", meinte er zu mir vor dem Termin. Der Fall an sich war klar, der Mandant wollte nicht zahlen und versuchte sich mit einer gefälschten Abtretungsurkunde aus seiner Zahlungsverpflichtung herauszuwinden. Was dann geschah, war für mich neu und zunächst schockierend. Mein Chef - sonst immer freundlich und gut gelaunt - war wie ausgewechselt, wurde laut und wütend. Und zwar nicht nur dem gegnerischen Anwalt gegenüber, sondern auch zur Richterin war er barsch. Schwankend zwischen Fremdschämen und Freude über das unverhofft gebotene Spektakel lehnte ich mich dann zurück und genoss die ablaufende Szene ...

Zum vollständigen Artikel


Cookies helfen bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit der Cookie-Setzung einverstanden. Mehr OK