Strafverteidiger ohne Akte?

von Carl Christian Müller

Beauftragt mich ein Mandant mit einer Strafverteidigung und fragt sogleich, wie denn die Chancen stehen, so antworte ich regelmäßig wie folgt:

“Stellen Sie sich vor, daß Sie Ihr Kfz zu einer Werkstatt bringen. Irgend etwas stimmt mit dem Motor nicht. Sie fragen den Kfz-Meister, welche Reparaturkosten auf Sie zukommen werden, wobei er die Auskunft mit verbundenen Augen und ohne vorherigen Blick unter die Motorhaube erteilen soll. Ebenso zuverlässig wie die Schätzung des Kfz-Meisters ist die Aussage eines Verteidigers zu den Prozeßaussichten, wenn der Verteidiger die Ermittlungsakte noch nicht eingesehen hat.”

Nur selten wird ein Verteidiger ohne Akteneinsicht eine belastbare Einschätzung dazu abgeben können, wie risikoreich ein Strafverfahren ist. Geradezu fatal kann es sogar sein, wenn ein Verteidiger meint, ohne Aktenkenntnis umfassende Verteidigungserklärungen zur Ermittlungsakte reichen zu müssen, aber das ist ein anderes Thema…

In einem kürzlich verhandelten Strafverfahren drohte den beiden Angeklagten im Falle einer Verurteilung eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Die Verfahrensakte bestand aus der Hauptakte und mehreren Sonderheftern, in denen sich umfangreiche Protokolle einer Telefonüberwachung befanden. Den Tatvorwurf hatten die Strafverfolger allein aus den besagten Gesprächsprotokollen zusammengepuzzelt ...

Zum vollständigen Artikel


Cookies helfen bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit der Cookie-Setzung einverstanden. Mehr OK