Praktikanten, Teil 1

von Gerd Meister

Wie in anderen Unternehmen beschäftigen wir in unserer Kanzlei seit jeher Praktikanten. Sie sind willig und billig. Man kann sie rumscheuchen und drangsalieren, seine schlechte Laune an ihnen auslassen und sie vor Publikum erniedrigen. Sie müssen schwere Kisten mit Akten schleppen, sortieren, kopieren und natürlich Kaffee kochen. Die Schlaueren lassen wir juristische Gutachten fertigen bis ihnen die Fingerspitzen vom Tippen bluten und ihnen nach 12 Stunden Arbeit das Köpfchen raucht. Wenn ich gute Laune habe, bekommen sie dafür Pflaster für die Finger und einen Klaps auf die Schulter, und ich verkauf die Gutachten für einen ordentlichen Preis. Bei Bedarf kann man die Praktikanten auch mal für private Zwecke abziehen. Dann graben sie bei mir die Beete um oder putzen mein Auto von außen und innen und wehe, ich finde da auch nur den kleinsten Krümel unter irgendeiner Fußmatte. Wenn sie aufmüpfig werden oder die Schinderei nicht mehr aushalten, fliegen sie mit einem miserablen Zeugnis in hohem Bogen einfach raus. Selbst schuld, wenn die jungen Leute heute den Anforderungen der modernen Arbeitswelt nicht gerecht werden. Wir sind ja schließlich nicht die Caritas, oder?!

Alleine wegen dem Spaß an den zu erwartenden Blogkommentaren würde ich das jetzt gerne so stehen lassen! Aber nein, zu früh gefreut. Leider ist es bei uns ganz anders. (Okay, für das „leider“ gibt´s bestimmt Prügel.)

Im Ernst: Wir beschäftigen gar keine Praktikanten. Die Praktikanten beschäftigen uns.

Es gibt Schulpraktikanten aus der 9. oder 10. Klasse, die mal für 14 Tage in die Bürowelt der Anwaltsfachangestellten reinschnuppern wollen. Natürlich nehmen die Anwälte sie mal mit zu einem Gerichtstermin oder in den Knast, aber die meiste Zeit gehen sie den Sekretärinnen im Büro zur Hand, die ihre Betreuung in der Regel mit viel Engagement und nicht immer mit Freude übernehmen ...

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