Das sogenannte Grundrecht auf Sicherheit existiert nur als Geisterfahrer. Zum Tod von Winfried Hassemer

In der vergangenen Nacht starb nach langer schwerer Krankheit im Alter von 73 Jahren ein großer Kenner und Freund der sozialwissenschaftlichen Kriminologie: der Frankfurter Strafrechtsprofessor und ehemalige Bundesverfassungsrichter Winfried Hassemer.

Seine Habilitationsschrift (1972) über Theorie und Soziologie des Verbrechens gehörte zu den wichtigsten Brückenschlägen zwischen Rechts- und Sozialwissenschaften in dieser vielleicht lebendigsten Zeit der damals neuen, undogmatischen und auf befreiende Weise herrschaftskritischen Kriminologie – und es folgten zahlreiche Kooperationen mit Soziologen bei Veröffentlichungen (z.B. Hassemer, Steinert, Treiber: Soziale Reaktion auf Abweichung und Kriminalisierung durch den Gesetzgeber, 1978) und in der Lehre an der Frankfurter Universität, die bis in die 1990er andauerten, aber mit steigender Bedeutung Hassemers in der Judikative – er war 1996 als erster Strafrechtsprofessor zum Bundesverfassungsrichter gewählt worden und war von 2002 bis 2008 Vorsitzender des Zweiten Senats und Vizepräsident – naturgemäß abnehmen mussten. Dafür bezog er als Richter Position für ein Strafrecht, das die Rechte des Bürgers gegen Übergriffe des Staates schützen sollte – auch wenn er sich nicht immer mit seinen Ansichten durchsetzen konnte (Verfassungswidrigkeit der Inzest-Strafbarkeit). Er war ein Gegner der Kronzeugenregelung und des Großen Lauschangriffs: das angebliche Grundrecht auf Sicherheit existiere höchstens als Geisterfahrer, der immer in der falschen Richtung unterwegs sei ...

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