Das schreckliche Massaker von Oradour – Ein paar Gedanken zur Verteidigung eines ehemaligen SS-Mannes, der aus meiner Sicht nicht hätte angeklagt werden dürfen

Meinem Mandanten geht es gesundheitlich nicht besonders gut, seit er weiß, dass die Staatsanwaltschaft seine Verurteilung wegen Mordes und Beihilfe zum Mord in zahlreichen Fällen erstrebt. Ich hoffe, dass er das Verfahren und die damit verbundenen Aufregungen übersteht. Vor bald 36 Jahren, nämlich im Jahr 1978, ist er erstmals als Beschuldigter vernommen worden, weil er weitere 34 Jahre zuvor als Angehöriger SS-Bataillons ”Der Führer” an dem Massaker im französischen Oradour teilgenommen haben soll. Damals, am 10. Juni 1944, war er 19 Jahre alt und erst ein paar Tage vorher zur Truppe gestoßen, die dann eines der schlimmsten Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung im 2. Weltkrieg begangen hat. Mindestens 624 Menschen, darunter 207 Kinder und mehr als 200 Frauen, wurden auf brutale Weise ausgelöscht.

Als mir das Mandat im vergangenen September angetragen wurde, war ich fast ein wenig erschrocken. NS-Täter habe ich bislang nicht verteidigt und es gab Zeiten, da hätte ich das schlichtweg abgelehnt. Das war in meinen jungen Anwaltsjahren, da war ich in mancherlei Hinsicht kategorischer als heute, aber vielleicht auch weniger differenzierend. Aber streitet die Unschuldsvermutung nicht bis zum Beweis des Gegenteils auch für denjenigen, dem besonders schreckliche (Gesinnungs-)Taten vorgeworfen werden? Trotzdem, bekennende Nazis möchte und werde ich nicht verteidigen, da gibt es dann doch mentale Schranken, die ich nicht übersteigen will.

Nein, der Vater sei alles andere als ein Nazi, hatten mir die Kinder des Mandanten versichert, im Gegenteil, er sei ein liebevoller, warmherziger Mensch voller Abscheu gegen das Unrecht des tausendjährigen Reiches. Sie haben das mit anderen Worten gesagt, aber sinngemäß ist es so rübergekommen ...

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