Fehldeutung von Indikatoren auf sexuellen Missbrauch

In der populärwissenschaftlichen oder pseudowissenschaftlichen Literatur, aber auch auf entsprechenden „Beratungsseiten“ im Internet werden häufig Listen auffälliger Verhaltensweisen publiziert (so z.B. auch in der Wikipedia), die als Indikator für einen stattgefundenen sexuellen Missbrauch von Kindern geeignet sein sollen.

Als solche Missbrauchssignale werden regelmäßig u.a. selbstverletzende Handlungen, Rückzug, Berührungsängste, Distanzlosigkeiten, übermäßig sexualisiertes Verhalten, starker schulischer Leistungsabfall, Einnässen, Bauchschmerzen und Magersucht angeführt.

Solche „Symptomlisten“ orientieren sich an älteren empirischen Untersuchungen, nach denen bei Kindern, die Opfer eines sexuellen Miss­brauchs geworden sind, häufiger als bei nicht missbrauchten Kindern verschiedene körperliche Symptome oder Verhaltensauffälligkeiten festgestellt worden seien. Hieraus wird geschlossen, dass das Vorliegen derartiger Auffälligkeiten als Indikator für einen stattgefundenen Missbrauch gewertet werden könne. Manchmal werden sie teilweise auch als Früh­erkennungssignal für einen noch andauernden Missbrauch betrachtet.

Bei derartigen Schlussfolgerungen wird jedoch übersehen, dass nur dann von bestimmten Symptomen auf einen den Symptomen zu Grunde liegenden Zustand (hier: sexuelle Übergriffe) geschlossen werden könne, wenn sie für diesen Zustand hinreichend spezifisch sind. Die im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch beobachteten Auffälligkeiten sind allerdings ganz überwiegend unspezifisch – sie können auch als Folge vieler anderer belastender Ereignisse, wie etwa Trennung der Eltern, Überforderung in der Schule, emotionale Vernachlässigung o.ä. auftreten.1 Schon dadurch wird der Deutung von Verhaltensauffälligkeiten als Indikatoren für sexuellen Missbrauch die logische Grundlage entzogen ...

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