Das Stigma als Mittel moderner Kriminalprävention?

Der nachfolgende Aufsatz ist mir gestern Abend wieder in die Hände gefallen. Ich habe ihn 2008 in dem Sammelband von Eric Hilgendorf “Dimensionen des IT-Rechts” publiziert und nach deinem kurzen Querlesen fand ich, dass er an Aktualität nicht verloren hat. Ich habe die Datei nur noch als PDF vorgefunden und habe sie jetzt in HTML umgewandelt. Ich hoffe, dass die Lesefähigkeit nicht allzusehr gelitten hat. CW.

Das Stigma als Mittel moderner Kriminalprävention?

Mittelalterlicher Sanktionen in der Kriminalpolitik der späten Moderne

Christian Wolf

I. Einleitung und Problemaufriss

1. Online-Pranger für Sexualstraftäter?

Im Oktober 2006 fiel in Bayreuth eine 39jährige Krankenschwester einem Mord zum Opfer. Der Täter war einschlägig bekannt. Wegen Vergewaltigung, Menschenraubes und räuberischer Erpressung zu acht Jahren Haft verurteilt, wurde er nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Strafe auf freien Fuß gesetzt. Ein Gutachten bescheinigte ihm eine positive Sozialprognose. Doch nicht nur die Tat selbst sorgte für bundesweite Schlagzeilen.1 Der Kriminalfall war Anlass für Bundes- und Landespolitiker, laut und medienwirksam über einen Online-Pranger für Sexualstraftäter nachzudenken. Der da-malige Hamburger SPD-Landeschef Petersen machte den Anfang und äußerte in der BILD-Zeitung vom 12. Oktober 2006, angesichts der Schwere der Taten von Sexual-verbrechern sei es durchaus berechtigt, dass diese Täter mit einem öffentlichen Stigma leben müssten.2 Trotz zum Teil heftiger Kritik, die Rede war von „politischen Blindflü-gen“, hielt er an dem Vorschlag fest. Die CSU-Bundestagsabgeordnete Bär erklärte, „die Sicherheit unserer Kinder sollte über dem Datenschutz stehen“.

Das gleiche Szenario ereignete sich wenige Monate später wieder. Nach dem Mord an dem kleinen Mitja im März 2007 in Leipzig erklärte der sächsische Innenminister Buttolo (CDU), die Zeit des Redens müsse endlich vorbei sein ...

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