Ich muss nicht immer die Wahrheit wissen, aber manchmal wäre es schon besser!

Es gibt Mandanten, die erzählen ihrem Anwalt (fast) Alles. “Ihnen kann ich es ja sagen, Sie haben ja Schweigepflicht”, sagen sie vielleicht einleitend und legen dann mit erstaunlicher Offenheit los. Manchmal bremse ich dann, will erst einmal wissen, wie denn der Vorwurf lautet, rege an, zunächst die Akte anzufordern und dann in Ruhe über die Sache zu reden. Natürlich kann und darf und muss ich gegebenenfalls auch dann auf Freispruch verteidigen, wenn ich weiß oder zumindest zu wissen glaube, dass der Mandant die Tat begangen hat. Ich bin als Organ der Rechtspflege nicht Organ der Wahrheitsfindung in dem Sinne, dass ich mein eigenes Wissen offenbaren müsste, nein, meine Aufgabe besteht darin, ein justizförmiges Verfahren zu sichern und dafür zu sorgen, dass eine Verurteilung nur dann erfolgt, wenn die Schuld in rechtsstaatlich einwandfreier Weise festgestellt wird. Ich halte es – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – für einen Kardinalfehler der Verteidigung, etwa im Plädoyer eine persönliche Überzeugung von der Schuld oder Unschuld des Mandanten zu äußern, und wenn ich weiß, dass er die Tat begangen hat, darf ich das auch nicht. Wenn ich zur Schuldfrage eine Überzeugung äußere, dann bisweilen dahingehend, dass die Beweisaufnahme keine hinreichend sichere Verurteilungsgrundlage erbracht hat, weil es auch anders gewesen kann, als die Anklage dies dargelegt hat. Am besten gelingt dies, indem man alternativ denkbare Geschehensabläufe darstellt, die ebenfalls mit der Beweislage kompatibel sind, aber eben nicht oder nur in abgeschwächter Form zu einer Verurteilung führen können.

Bei bestimmten Delikten bin ich durchaus dankbar, nicht immer die Wahrheit zu kennen ...

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