Kommentar: Die Woche im NSU-Prozess

Der Deutschlandfunk hat mich gebeten, für die heutige Sendung “Themen der Woche” die Sitzungswoche im NSU-Prozess zu kommentieren. Dem komme ich gerne nach. Die Aussage von Carsten S. und der dadurch wohl neu entdeckte, weitere Anschlag des “Nationalsozialistischen Untergrunds” in Nürnberg geben reichlich Material. Hier mein Kommentar:

Es war eine unerwartet schwere Geburt. Wie andere Journalisten hatte auch ich erwartet, dass die Aussage von Carsten S. relativ zügig erledigt sein würde. Schon im Ermittlungsverfahren hatte der frühere Neonazi ausführlich mit dem Bundeskriminalamt und der Bundesanwaltschaft gesprochen. Viele Mosaiksteine der Anklageschrift beruhen auf Angaben des späteren Sozialarbeiters.

Dazu kommt der persönliche Lebenswandel: Von sich aus hatte sich S. aus der Neonazi-Szene gelöst, ein neues Leben begonnen. Er bekannte sich lange vor der Entdeckung der Terrorzelle zu seiner Homosexualität und wurde in der Düsseldorfer Aidshilfe zu einem geschätzten Mitarbeiter. Die Sache schien klar.

Doch als es vor Gericht ans Eingemachte ging, wurde S. erstaunlich vage und unpersönlich. Äußeres Geschehen schilderte er leidlich, eigene Motivationen und Gedanken aus seiner Neonazi-Zeit gar nicht. Juristen unterscheiden bei einer Tat zwischen dem objektiven und dem subjektiven Tatbestand. Man kann etwas tun, ohne die Folgen zu wollen. Man kann die Folgen aber auch in Kauf nehmen, übersehen oder verdrängen. Was also war bei Carsten S. los, als er dem Zwickauer Trio eine Waffe mit Schalldämpfer übergab oder als er sich am brutalen Zusammentreten von Ausländern beteiligte? Der Sozialarbeiter blieb die Antworten auf Fragen schuldig, die gerade ein Sozialarbeiter beantworten können sollte ...

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