Schöffe rastet aus, Verfahren wird ausgesetzt, Angeklagte aus der U-Haft entlassen

Es hat seinen guten Grund, dass Richter selbst bzw. gerade bei emotional hoch aufgeladenen Strafprozessen unparteiisch auftreten und jeden Anschein einer Voreingenommenheit meiden müssen. Dieser richterlichen Pflicht ist ein Berliner Schöffe im Jonny K.-Prozess ersichtlich nicht gerecht geworden:

“Mit Spannung hatten die Prozessbeteiligten die Aussage des Zeugen Ali Y. erwartet, der an jenem Tag geladen war.

Nur zwei Meter stand Ali Y. in der Nacht vom 14. Oktober vergangenen Jahres von der Menschentraube entfernt, in deren Mitte Jonny K. aus dem Leben geprügelt wurde. Nach der Tat machte Ali Y. konkrete Angaben bei der Polizei. Er schilderte, wer wen wann angegriffen hatte und wer wann zu Boden gegangen war. Vor allem gab er zu Protokoll, wie Jonny K. gestürzt war. Nach Angaben der Mediziner führten Hirnblutungen zum Tod des 20-Jährigen. Es sei aber nicht möglich, festzustellen, ob Schläge, Tritte oder der Sturz auf das Pflaster die Ursache gewesen seien. Die Hoffnung war daher groß, der 23-jährige Ali Y. könne mit seinen Beobachtungen zur Aufklärung des Verbrechens beitragen.

Doch als Ali Y. vor Gericht trat, berief er sich in fast unerträglicher Weise auf Erinnerungslücken. “Weiß ich nicht mehr”, sagte er. “Habe ich vergessen.”

Zu wenig Aufklärungswille und zu viele Ausflüchte für Siegfried K., einen von zwei Schöffen der 9. Jugendstrafkammer. Er habe eine einzige Frage an den Zeugen, sagte der 58-Jährige und rief dann empört: “Sind Sie zu feige, eine Aussage zu machen, oder wollen Sie das Gericht verarschen?”

Ein solcher Ausraster ist natürlich eine Steilvorlage für die Verteidigung, den betroffenen Schöffen für befangen zu erklären. Das hat sie auch gleich getan. Doch es kam noch dicker: Der ausgerastete Schöffe gab anschließend einem Journalisten ein Interview, was Schöffen während eines laufenden Verfahrens strikt untersagt ist ...

Zum vollständigen Artikel


  • Tödliche Prügelei am Alexanderplatz: Der verhängnisvolle Schöffe

    spiegel.de - 13 Leser - Der Prozess um den Tod von Jonny K. am Berliner Alexanderplatz ist geplatzt. Der Schöffe Siegfried K. hatte zuerst in der Verhandlung die Contenance verloren, danach verstieß er gegen die Vorschriften für Laienrichter und gab ein Interview. Drei Angeklagten beschert dieser Fauxpas nun die Freiheit.

Cookies helfen bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit der Cookie-Setzung einverstanden. Mehr OK