Freispruch im 2. Anlauf: Warum in aller Welt wurde der Hauptbelastungszeuge nicht im Ermittlungsverfahren vernommen?

Ist Strafverfolgung noch lege artis, wenn der Hauptbelastungszeuge, der über seinen Anwalt eine in sich nur beschränkt nachvollziehbare Strafanzeige erstattet hat, nicht zum Tatgeschehen vernommen worden ist? Müsste der Zeuge nicht spätestens dann vernommen werden, wenn seine Beschuldigungen im deutlichen Widerspruch zu den Angaben von anderen (Polizei-)Zeugen stehen? Die Antwort liegt wohl schon in der Fragestellung, aber aus Verteidigersicht kommt es immer wieder zu unsäglichen Anklagen unter deutlicher Verletzung des Amtsermittlungsgrundsatzes. Frei nach dem Motto: Mal sehen, was die Hauptverhandlung erbringt, es wird schon was dran sein an der Beschuldigung.

Am vergangenen Freitag habe ich in einer Strafsache wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht Nettetal verteidigt. Im ersten Anlauf war mein Mandant noch anderweitig verteidigt gewesen, da hatte das Gericht nach kurzer Erörterung vertagt und den Vorschlag gemacht, die Sache mit einer kurzen Bewährungsstrafe zu erledigen. Das solle der Mandant sich – auch im Hinblick auf eine andere vorläufig eingestellte Sache – doch überlegen.

Was war passiert? Der Angeklagte arbeitet seit Jahren als Türsteher in einer Discothek. Er ist der Chef der Sicherheitstruppe und nicht vorbestraft. Man schätzt ihn für sein Augenmaß und seine Fähigkeit zur Deeskalation von Konflikten. In einer lauen Sommernacht vor fast zwei Jahren beobachtete der Mann vor der Discothek zwei offensichtlich betrunkene junge Leute, von denen einer mit einer Pistole herumfuchtelte und diese auch mehrfach durchlud. Weil er sich um die Sicherheit der Disco-Besucher sorgte, alarmierte der Sicherheitschef die Polizei. Die kam dann auch wenig später mit einem Streifenwagen. Zwei Polizisten gingen mit gezogenen Waffen auf die beiden jungen Leute zu. Einer von ihnen – der mit der Pistole – gab Fersengeld und lief davon ...

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