“Die Armen werden entscheiden, dass es sich nicht lohnt, da dabeizusein”

Hamburg, 23. März 2013. Die Eröffnung der Internationalen Bauausstellung lockt große Massen in das einst so heruntergekommene Stadtviertel Wilhelmsburg. Unter den Hauptattraktionen sind Saskia Sassen und Richard Sennet, das Königliche Paar der Soziologie, zwei der einflussreichsten Intellektuellen der Welt und – wie oft bei Ehepaaren – häufig einer Meinung, aber beileibe nicht immer (wie man noch sehen wird). Beide sollen bei der Eröffnungskonferenz sprechen, und beide haben zugesagt, mir während der Mittagspause ein Interview über „Europa 2023“ zu geben. Wir gehen zum nahegelegenen Hotel „Wälderhaus“, einem IBA-Ausstellungsobjekt und ganz aus Holz errichtet, wo wir uns im vollen Restaurant einen Tisch suchen. Also, frage ich meine übliche Anfangsfrage, nachdem wir uns niedergelassen haben: Wenn Sie die Augen schließen und an Europa als politischem Raum in zehn Jahren denken – was sehen Sie vor sich?

Sassen: Ich sehe zwei Möglichkeiten. Ein Szenario ist, dass ein Raum innerhalb Europas entsteht, der die großen Zentren verbindet, privilegiert durch das Recht, durch die Praxis der Leute, hoch besiedelt, dynamisch, verkehrsreich. Dieser Raum wird den Takt vorgeben in Europa. Dieser Raum wird unvermeidlicherweise einen schrumpfenden Raum bedeuten, verglichen damit, wofür Europa bis vor kurzem stand, für eine sich ausdehnende Vereinigung von Menschen, Orten, Aktivitäten etc. Griechenland ist zurück im Spiel, aber was nicht gesagt wird, ist, dass sie jetzt in viel kleinerem Maßstab mitspielen und dass 35% der Menschen draußen sind. Die Frage ist also, was passiert draußen. Eine Möglichkeit sind Räume des Elends, was wir in Griechenland sehen, was wir in den USA sehen, es gibt jede Menge Ausweisung. Ich sehe unsere Zeit als eine Zeit der Ausweisung.

Und die andere Möglichkeit?

Sassen: Die andere Möglichkeit, und hier denke ich an Europa, ist, dass das ein Raum des „Machens“ aus Notwendigkeit wird ...

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