Im Fegefeuer des Rechts: Lorenzo Zucca über „A Secular Europe“

Etwas Infernalisches hatte er mitunter schon, der Konflikt zwischen religiösen und nicht-religiösen Stimmen in der Beschneidungsdebatte, mit dem der Streit um das angemessene Verhältnis von Religion und Recht, von individueller und kollektiver Religionsfreiheit in diesem Sommer neue Intensität erreichte. Der in London lehrende Verfassungsrechtler Lorenzo Zucca dachte allerdings noch gar nicht an den Streit um ein Verbot der Zirkumzision aus religiösen Gründen, als er in seiner Schrift über Recht und Religion in der „europäischen Verfassungslandschaft“ das neuerliche Aufflammen hitziger Religionskonflikte im alten Europa als Dantesches Inferno charakterisierte. In der Debatte um Kopftuch und Kruzifix in bayerischen und italienischen Klassenzimmern, im Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen, das irische Abtreibungsverbot und um die Anwendung der Scharia in Großbritannien sieht er die Gefahr unüberbrückbarer gesellschaftlicher Spaltungen, die nationale Gemeinwesen dauerhaft zu polarisieren drohen.

Der von Zucca vorgeschlagene Notausstieg aus der Hölle des ungezügelten Pluralismus klingt kaum weniger dramatisch. Europa (nicht nur die EU, sondern das erweiterte Europa der 47 Mitgliedstaaten des Europarats) könne ein veritables Purgatorium sein, das einen Ausweg aus dem Inferno der innerstaatlichen Religionskonflikte eröffne: „Die supranationale und internationale Ebene ermöglicht eine gewisse Reinigung von der nationalen Erfahrung, auch wenn sie ihre eigenen Herausforderungen mit sich bringt“. Zucca sieht vor allem den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in der Pflicht, den Staaten größeren Respekt für die Verschiedenheit ihrer Bürger abzuverlangen ...

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