Sie kommen nicht mehr durch, die Brüderles und Chefredakteure

Dass FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle junge Journalistinnen sexuell belästigt, ist allenfalls im allerweitesten Sinne ein Verfassungsthema. Und ich hätte dazu auch nichts geschrieben, wenn ich nicht die heutige Reaktion der Zeitungslandschaft auf den gestrige Stern-Aufreger so sonderbar fände. Offenbar scheint sich doch ein erheblicher Teil des politischen Medien-Establishments einig darin, dass der Skandal in diesem Fall in den eigenen Reihen zu suchen ist und nicht bei Brüderle. Und das wiederum scheint mir ein doch irgendwie erklärbedürftiger Vorgang.

Wenn man die Süddeutsche Zeitung, die ich (aus reiner Bayern-Sentimentalität übrigens) immer noch abonniert habe, exemplarisch nimmt, dann ergibt sich folgendes Bild: Vorne im Politikteil eine ganz kurze Nachricht, deren Leadsatz zufolge die Sexismus-Anklage gegen ihren frisch gekürten Spitzenkandidaten „in der FDP auf scharfe Kritik gestoßen“ ist. Auf der Meinungsseite ein zerquälter Text einer jüngeren Politikkorrespondentin, dem man deutlich anmerkt, dass sie eigentlich den politischen Hauptstadtchauvinismus uneingeschränkt zum Speien findet, sich aber am Ende von wem auch immer genötigt sieht, ihre Wut durch Sätze wie „schießt dieser Beitrag übers Ziel hinaus“ und „nicht jeder Chauvi gehört namentlich an den Pranger“ zu relativieren. Und ganz hinten, auf der Medienseite findet im Interview eine in Ehren pensionierte 74-jährige Journalistin nach dem Motto „Oma erzählt vom Krieg“, dass sexuelle Belästigung „zu den Widrigkeiten des Berufs – jedes Berufs übrigens“ gehöre, die man „irgendwie abfedern“ muss, anstatt sie „an die große Glocke zu hängen“. Das ist es, was nach Meinung der SZ zu dem Vorgang zu sagen ist.

Da trifft es sich gut, dass direkt neben dem Kommentar auf der Meinungsseite das Impressum der SZ abgedruckt ist ...

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