Ein paar Gedanken zum New-School-Antisemitismus

Was Old-School-Antisemitismus ist, davon haben wir alle eine ziemlich genaue Vorstellung. Weltverschwörung und Hostienschändung, Stürmer-Karikaturen von krummnasigen Börsenjuden: damit wollen wir natürlich alle nichts zu tun haben. Das ist was für Skinheads und SS-Veteranen. Aber wir doch nicht! Wir verabscheuen doch die Nazis aus tiefster Seele. Gerade weil das unsere Großväter waren. Wir wissen doch Bescheid. Uns passiert das doch nicht noch einmal.

Aber dann ergibt es sich, dass uns Juden Anlass geben, uns über sie aufzuregen. Dann ist vielleicht was los. Dann brechen alle Dämme. Wer weiß, vielleicht sind am Ende gar nicht wir die Bösen? Haben da nicht die angeblichen Opfer auch, oder sogar: viel mehr Dreck am Stecken? Da wird uns gleich ganz pudelwohl bei dem Gedanken. Die Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen.

Das ist der New-School-Antisemitismus. Und von dem sind wir, Hand aufs Herz, alle nicht völlig frei.

Der Fall Augstein hat die alte Debatte, wo die Kritik an der israelischen Regierungspolitik aufhört und der Antisemitismus anfängt, wieder mächtig hochkochen lassen in den letzten Tagen. In der Süddeutschen (noch nicht online) setzt sich heute Andrian Kreye mit der Antisemitenhitparade des Simon-Wiesenthal-Centers und anderen Versuchen auseinander, Antisemitismus mehr oder minder objektiv und kriteriengestützt zu definieren. Am Ende kommt er zu dem (nicht weiter ausgeführten) Schluss, bei Ressentiments und Vorurteilen gehe es

weniger darum, wie man sie definiert, als darum, wie sie empfunden werden.

Daran ist sicher richtig, dass man mit objektiven Kriterien das Dilemma in Zweifelfällen kaum gelöst bekommt. Ich würde das Argument nur umdrehen: Ob eine Äußerung antisemitisch ist oder nicht, liegt nicht im Ohr des Adressaten, sondern in der Motivation des Äußerenden ...

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