Wer nicht sehen will, muss fühlen. Eine Kritik der Rede vom multisensorischen Recht (Schluss)

Sinnlichkeit und Leiblichkeit des Rechts

Baumgarten definierte seine neue Lehre von der Ästhetik als scientia cognitionis sensitiva. Heute versteht man Ästhetik teils in einem engeren Sinne als Theorie der schönen Künste versteht, zunehmend aber auch in einem umfassenderen Sinne als Theorie und Praxis von Aisthesis mit der Folge, dass Wahrnehmungsphysiologie und Wahrnehmungspsychologie in den Blick kommen. Aber damit nicht genug. Es lässt sich kaum noch zwischen naturwissenschaftlicher, anthropologischer und philosophischer Erkenntnistheorie unterscheiden. All das trifft in den Begriffen embodiment, embodied cognition und embodied knowledge zusammen.

Embodiment ist Verkörperung. Es gibt eine lange Tradition, den höchsten Repräsentanten des Staates als Verkörperung des Rechts anzusehen. Aber das ist hier nicht gemeint, ebenso wenig, wenn man in einem Nachruf auf einen Juristen liest, er habe das Recht verkörpert.[1]

Jede Materialisierung von Symbolen, sei sie in Stein gemeißelt oder so flüchtig wie das Wort, ist eine Verkörperung. Materielle Verkörperung bedeutet auch, dass alle Kognitionen eine neuronale Basis haben. Neurobiologen können elektrophysiologisch zeigen, wie passive Sinnesdaten und aktive Konzeptualisierungen unterschiedliche Hirnaktivitäten auslösen und beides miteinander verbinden. Auch seelische Narben sind in diesem Sinne verkörpert. Aber mit diesem Wissen ist nichts gewonnen. Man muss also tiefer eindringen.

Eigentlich bezweifelt niemand mehr, dass der Körper mehr ist als die Summe seiner Teile, so dass die Betrachtung einzelner Sinneskanäle, auch wenn man ihre Kooperation in Rechnung stellt, dem ganzheitlichen Phänomen des in seinem Körper wahrnehmenden und handelnden Menschen nicht gerecht wird. Wenn man tiefer eindringen will, zieht man die Arbeiten des französischen Phänomenologen Merleau-Ponty[2] und in Deutschland die Schriften von Bernhard Waldenfels[3] heran ...

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