2.252 Seiten Anklage und 6 Jahre Freiheitsstrafe: „Herr Anwalt, ich bin heute ein glücklicher Mann“

Angelo Bronzino - Allegorie des Glücks

Vor ein paar Tagen wurde ich in der Stadt von einem Mann angesprochen, den ich vor mehr als 10 Jahren in mehreren Strafkammerverfahren vertreten hatte. Ich erkannte ihn sofort wieder, so wie er mich erkannt hatte. „Wie schön, Sie zu sehen“, meinte er und lud mich zum Essen ein.

Ich erinnerte mich: 2.252 Seiten umfasste die Anklage in einem der Verfahren, das war das mit Abstand opulenteste Anklagewerk, mit dem ich je zu tun hatte. Mehr als 10.000 Einzeltaten – es ging um Anlagebetrug – waren gegen die 5 Angeklagten konkretisiert worden. Die Anklageverlesung hatte zwei volle Tage gedauert, 2 Staatsanwältinnen hatten sich beim Lesen immer abgewechselt. Die zuständige Strafkammer galt als besonders hart, aber nach ein paar Verhandlungstagen verständigten wir uns für meinen Mandanten auf 3 Jahre Freiheitsstrafe, ein in Anbetracht der Umstände und der Beweislage ausgesprochen günstiges Urteil. Es gab noch einige andere Anklagen gegen den Mann, auch hier ging es um Schäden in Millionenhöhe. In einem weiteren Prozess wurde schließlich unter Einbeziehung der 3 Jahre aus dem Vorprozess eine Gesamtstrafe von 6 Jahren ausgeworfen, ebenfalls nach einer Verfahrensabsprache, die weiteren Verfahren wurden eingestellt. Wichtig für den Mandanten war, dass mit dem Urteilsspruch der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt wurde, so dass er die Strafe als Erstverbüßer im offenen Vollzug antreten konnte.

Ich habe dem Mandanten, nennen wir ihn Herbert K., damals geraten, er solle seine zweifellos vorhandenen Talente, seine Intelligenz, sein kaufmännisches Geschick und die sympathische persönliche Ausstrahlung, die ihm zu eigen war, zukünftig in legale Geschäfte investieren. Dann könne er es sicher zu etwas bringen ...

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