Languren, frische Luft und die Unschuldsvermutung

Wie jeder Strafverteidiger betreute Dr. Strathmann hin und wieder Aidskranke, denen sein aufrichtiges Mitgefühl galt. Er überlegte, ob „Mitgefühl“ das richtige Wort war, oder ob er, angesichts seiner eigenen Vergangenheit, einfach nur Angst hatte, ebenso krank und ausstößig zu werden. Ja, möglicherweise ging es beim „Mitgefühl“ im Grunde nur darum? Es hatte allerdings Zeiten gegeben, in denen er mit der Krankheit unbefangener umgegangen war. Wie jeder, wusste er, dass man sich durch Handschütteln normalerweise kein Aids einfangen konnte, und dennoch brachte ihn die irrationale Angst vor Ansteckung heute in den Konflikt, der Angst nachzugeben oder sich unmenschlich zu fühlen.

Der Gewahrsamsbeamte schloss die schwere, hellgraue Eisentüre auf. Ein zooiger Käfiggeruch schlug ihm entgegen, und der kleine Gefangene setzte sich von seiner Betonpritsche auf. Er blinzelte hoch zur Neonröhre und sah sich irritiert in der fensterlosen Zelle um, die nur durch einen mit Aluminiumlamellen verdeckten Luftschlitz sparsam belüftet wurde. Wie fast allen Verdächtigen in Totschlagsverfahren hatten sie ihm seine Kleidung weggenommen und ihn in einen weißen Polyester-Overall gesteckt. Er wirkte abgemagert. Sein braunes Gesicht und die ebenso braunen Hände und Füße, die aus dem weißen Plastik ragten, bildeten den einzig starken Kontrast im Raum. Frische Luft und Unschuldsvermutung sind flüchtige Güter. Erst ihre Abwesenheit macht sich unangenehm bemerkbar. Wie jedes Mal, wenn Strathmann eine solche Zelle betrat, fragte er sich, ob dieser Staat nicht anders mit seinen Problemkindern umgehen konnte. Nicht dass er ein Hotelzimmer erwartete, aber wenigstens ein vergittertes Fenster und ein Bett, vielleicht ein Schreibtisch mit einem Aschenbecher und ein Bild an der Wand, müssten doch für die nach dem Gesetz angeblich Unschuldigen drin sein. Und in der sich wohl auch in diesem Fall anschließenden Untersuchungshaft würde es nicht besser ...

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