Verhaltensgestörte Juristen

Alfred Hitchcock erzählte gerne diese Anekdote aus seiner Kindheit: Sein Vater schickte ihn mit einer verschlossenen Nachricht auf die Polizeiwache. Der diensthabende Wachtmeister nahm den Zettel entgegen, las ihn aufmerksam und führte daraufhin den Jungen wortlos in den hinteren Teil der Wache. Dort waren die Zellen und ehe der kleine Alfred wußte, wie ihm geschah, hatte der Polizist ihn eingeschlossen. Nach einer Weile ließ er den verängstigten Jungen wieder gehen und gab ihm die Ermahnung mit auf den Weg: “So ergeht es Kindern, die unartig sind.”

Hitchcock hatte, berichtete er, aufgrund dieser Erfahrung zeitlebens Angst vor der Polizei und es wäre ihm deshalb nie eingefallen, etwas Verbotenes zu tun. Daß er statt dessen seine kriminellen Energien in die Kunst lenkte, machte dieses frühe, traumatische Erlebnis zu einem Gewinn für die Filmgeschichte.

Als im August 2009 ein Strafrichter am Amtsgericht Eschwege einen einfach gestrickten Angeklagten, dem exhibitionistische Handlungen vorgeworfen wurden, vor sich hatte, verfiel er auf die Idee, mit ihm in den Keller des Gerichts zu gehen und ihn dort von einem Justizwachtmeister für 20 Sekunden in eine Zelle sperren lassen. Daß der Richter damit wahrscheinlich ein pädagogisches Einwirken, so wie Hitchcocks Vater, im Sinne hatte, kann man aus den Details des Hergangs schließen, vor allem aus seiner Äußerung “Sie kommen jetzt mit! Ich zeige Ihnen mal, wie Ihre Zukunft aussehen kann”. Doch das kann sein Handeln nicht entschuldigen. Die Ausübung von Strafgewalt ist mit das heikelste Verhältnis, in das der Einzelne zu staatlichen Strukturen kommen kann. Die Machtausübung, der er ausgesetzt ist, kann nur dann als gerecht angesehen werden, wenn sie sich streng in den Bahnen des Verfahrensrechts hält, wenn die beteiligten Amtsträger mit Zurückhaltung und Korrektheit vorgehen und so ihre rechtliche Gebundenheit sichtbar machen ...

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