Disput im Strafprozess: Die Interpretation von Aussagen ist immer eine Frage der Perspektive

Verbaler Austausch in einem Vergewaltigungsverfahren zwischen Staatsanwältin, Nebenklagevertreterin und Verteidiger. Natürlich ist alles, was Sie jetzt lesen, völlig fiktiv, aber doch irgendwie auch wieder wahr, schließlich habe ich heute in einem solchen Verfahren gesessen und einige verbale Scharmützel hinter mir. Ich habe allerdings manche Erfahrungen aus anderen Verfahren und mit anderen Beteiligten in den fiktiven Disput hineingeschmuggelt, so dass sich bitte niemand auf die Füße getreten fühlen soll. So ist es heute nicht gewesen:

Nebenklagevertreterin zu einem Zeugen, der aus ihrer Sicht günstig für den Angeklagten ausgesagt hat: „Warum haben Sie denn nicht schon bei der Polizei ausgesagt, dass der Angeklagte und meine Mandantin sich im Auto nach der Vergewaltigung geküsst haben?“

Verteidiger: „Ich rüge den Vorhalt, wir wissen ja gar nicht, ob es eine Vergewaltigung gegeben hat, genau das soll der Prozess ja klären!“

(Anmerkung: Der Vorsitzende Richter nickt unmerklich mit dem Kopf)

Nebenklagevertreterin: „Gut, dann frage ich anders: Sie haben bei der Polizei nicht gesagt, dass die beiden sich geküsst haben. Wieso erinnern Sie sich jetzt?“

Verteidiger: „ Sie wissen doch gar nicht, Frau Rechtsanwältin, was der Zeuge bei der Polizei gesagt hat. Sie waren doch nicht dabei und wir haben den Vernehmungsbeamten bislang nicht gehört“.

Nebenklagevertreterin: „ Aber das steht ja hier im Vernehmungsprotokoll!“

Verteidiger: „ Was noch lange nicht heißt, dass der Zeuge das so gesagt hat. Wir haben doch heute schon mehrfach gehört, wie Polizeizeugen die protokollierten Aussagen relativiert haben und eingeräumt haben, dass sie auch etwas falsch verstanden haben könnten.”

Staatsanwältin: „Herr Verteidiger, das ist doch nicht nötig. Wir sind uns ja darüber einig, dass im Rahmen von Vernehmungen zumeist kein Wortprotokoll geführt wird ...

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