Dogmatismus versus Pragmatismus: Richterliche Akribie lässt Prozessende in noch weitere Ferne rücken

Hamburger Strafjustizgebäude

Das war gestern Tag 90 im Hamburger Piratenverfahren. Außerhalb der Hauptverhandlung wurde der Verteidigung zunächst Gelegenheit gegeben, sich ab 8 Uhr ein Video anzuschauen, das ein als Zeuge geladener Fernsehjournalist in Indien gedreht hatte. Es zeigt ein Interview mit zwei früheren indischen Seeleuten, die Besatzungsmitglieder der Dhau Hud Hud gewesen sind, welche bei der Kaperung des deutschen Frachters MS Taipan im April 2010 als sogenanntes „Mutterschiff“ eingesetzt worden war. Bislang hat die Verteidigung eines Angeklagten vergeblich versucht, die Vernehmung der beiden Inder in der Hauptverhandlung oder deren kommissarische Vernehmung in Indien durchzusetzen. Das war unter anderem auch an der mangelnden Kooperationsbereitschaft der indischen Zeugen gescheitert.

Das Interview war in der vor allem in Nordindien und in Pakistan verbreiteten Sprache Urdu geführt worden. Folglich hatte das Gericht einen Sprachsachverständigen für Urdu bestellt, der eine verschriftete Übersetzung des 27minütigen Interviews vorgelegt hatte, die allerdings ziemlich lückenhaft war. Aufgrund von Nebengeräuschen und angeblich schlechter Aufnahmequalität hatte der Sachverständige viele Passagen nicht verstanden.

Ab 8:45 Uhr wurde das Video dann in die Hauptverhandlung eingeführt. Anwesend war als Zeuge auch der Fernsehjournalist, der das Interview geführt hatte und der selbst aus Indien stammt und der Sprache Urdu mächtig ist. Und das vielleicht besser als der Sprachsachverständige, so war jedenfalls mein subjektiver Eindruck. Der Zeuge machte wiederholt Anläufe, bei der etwas holperigen Übersetzung des Interviews durch den Sachverständigen zu helfen. Das aber wurde durch den Vorsitzenden Richter Dr. Bernd Steinmetz jeweils sehr bestimmt zurückgewiesen. Mehrfach sah er sich veranlasst, dem Zeugen den Unterschied zwischen Zeugenstellung und Sachverständigenstatus zu verdeutlichen ...

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