Occupy the Law!

Turin ist weit weg von Frankfurt, und von „Blockupy“-Stimmung und Bankenprotest war in der norditalienischen Auto- und Nougatstadt letzte Woche nicht viel zu spüren. Wer einen Funken systemkritischen Zeitgeist erleben wollte, der musste sich in das vor den Toren Turins gelegene Städtchen Moncalieri aufmachen. Dort, im klassizistischen Prunk des Collegio Carlo Alberto, rangen drei Tage lang Soziologen, Juristen und Philosophen um theoretische Antworten auf die praktische Frage, ob und was wir uns vom Finanz- und anderen expansiven gesellschaftlichen Systemen alles gefallen lassen müssen. Und was wir tun können, um uns zur Wehr zu setzen.

Hauptinitiator der Tagung war Gunther Teubner (Frankfurt), Rechtssoziologe und unter den Juristen wohl Niklas Luhmanns wirkmächtigster Erbe. Dieser Tage erscheint – gleichzeitig auf deutsch und englisch – sein neues Buch „Verfassungsfragmente“. Verfassungen, so Teubners nicht erst seit heute vertretene Überzeugung, sind nicht allein für Staaten da, sondern ein generalisierbares Phänomen. Gesellschaftliche Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Medizin oder Technologie haben die unangenehme Neigung, auf Kosten ihrer jeweiligen Umwelten blind zu expandieren und sämtliche Lebensbereiche ihrer spezifischen Funktionslogik zu unterwerfen. Das treibt die Umwelt auf die Barrikaden und erzeugt enormen Stress, der zuletzt auch in die expansiven Funktionssysteme zurückwirkt und sie zwingt, sich selbst Regeln zu setzen. Im Fall der Politik nannte man diese Regeln Verfassung. Diese gab ihr einerseits eine von Religion, Familie und anderen Umwelt-Systemen unabhängige Basis zur Machtausübung, legte ihr aber gleichzeitig in Form von Grundrechten gegenüber den nämlichen Umwelt-Systemen Schranken auf ...

Zum vollständigen Artikel

Cookies helfen bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit der Cookie-Setzung einverstanden. Mehr OK