Wer nicht sehen will, muss fühlen. Eine Kritik der Rede vom multisensorischen Recht (Teil IX)

von Klaus F. Röhl

(Fortsetzung des Beitrags vom 29. April 2012).

VI. Zur Kritik des Multisensorischen Rechts

1) Selbstkritik
Deutliche Kritik hat nur Peter Ebenhoch geäußert. Das Konzept des Multisensorischen (»multisensory enhancement«) sei ein Import aus Pädagogik und Marketing. Das Konzept sei überflüssig und geradezu verwirrend. Neue Methoden habe es nicht zu bieten, und alle genannten Themen könnten innerhalb der gängigen Fächer abgehandelt werden.[1] Die Benennung als MSR führe in die Irre, denn anders etwa im Zivilrecht oder Strafrecht gebe es keinen Regelungsgegenstand Multisensorik und den könne man sich auch schwer vorstellen. Selbstverständlich könnten sämtliche Sinneseindrücke Gegenstand rechtlicher Sachverhalte sein.. Aber ohne intersubjektiv nachvollziehbare Information und Kommunikation sei Recht nicht denkbar. Sinneseindrücke wie Tasten, Riechen und Schmecken könnten prinzipiell nicht in einer intersubjektiv und kontextunabhängig nachvollziehbaren Weise kommuniziert werden, es sei denn indirekt mit arbiträren Wort-, Schrift und Bildzeichen. Deshalb sei das moderne Recht auf Sprache und Schrift angewiesen. Man solle sich daher mit den visuellen Elementen in der Rechtskommunikation und mit der neuen Multimedialität befassen, aber nicht mit Multisensorik.[2] Es sei wirke wenig überzeugend und sei methodisch nicht innovativ, die Wortzentriertheit des Rechts wiederum im Medium der Sprache zu beklagen. Die Sprache sei nun einmal die Basis des Rechts und der Wissenschaft überhaupt. Die anderen Sinne verfügten nicht über die Möglichkeit einer robusten und reproduzierbaren Kommunikation wie Auge und Ohre mit dem Medium de Sprache. Jenseits der Sprache fehle die Möglichkeit, über Geschmack, Geruch und Gefühl etwas mitzuteilen. Mit Wittgenstein müsse man sagen: »Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.«

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