Der arme Herr Beuter!

Eigentlich kämen wir mit drei Zimmern wunderbar aus: Küche, Schlafzimmer, Bad, würden völlig genügen – denn allabendlich sitzen wir vor dem Zubettgehen noch einige Zeit in der Küche. Auf der kleinen Bose-Box dudelt über das iPhone unsere aktuelle Lieblingsmusik –zur Zeit „Nighthawks“ mit Jürgen Dahmen am Piano und “clair obscure”. Der Küchentisch ist überladen mit meist noch ungeöffneter Post, Stapeln von Büchern, Zeitungen und Krimskram, der erst am nächsten Tag an seinen angestammten Ort in Hand- oder Hosentaschen zurückwandert oder eben einfach bis zur nächsten Aufräumaktion liegen bleibt. Da, wo noch Platz ist, stehen unsere Gläser, eine Flasche Weißwein, eine Flasche Sprudel, diverse Aschenbecher, mit runter gebrannten, qualmenden Zigaretten.

Es gibt kaum etwas Langweiligeres als Juristen, die ständig über ihre Fälle reden (bloggen ist was anderes?!) und so bemühe ich mich, mein Alltagsgeschäft nicht zum Thema zu machen, was mir im Allgemeinen nicht schwer fällt. Wir reden über Gott und die Welt, die Bücher, die wir gerade lesen oder die Musik, die wir gerade hören. Die Gespräche verlaufen ungefähr so geordnet, wie unser Küchentisch meistens aussieht.

Vor einigen Tagen aber ertappte mich Anna in Gedanken an einen Bankraub-Prozess, in dem ich gerade verteidige.

„Hey Kjanqs (armenischer Kosename), woran denkst du gerade?“

„Mmh …, an Weicheier, und ich weiß nicht, ob ich Herrn Beuter damit nicht Unrecht tue.“

`Wer ist dieser Herr Beuter?´ fragen ihre dunklen, strahlenden Augen, die Menschen, die Anna nicht kennen, oftmals in Unsicherheit, wenn nicht Angst versetzten.

„Ach, das ist ein Bankangestellter, der das Pech hatte, in wenigen Monaten dreimal von meinem Mandanten in verschiedenen Bankfilialen überfallen worden zu sein. Heute schilderte er als Zeuge, welche Auswirkungen der Überfall auf ihn hatte. So betroffen, wie die Schöffen dreinschauten, war das keine Sternstunde für die Verteidigung ...

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