“Ich habe doch immer mein Wort gehalten, Herr Anwalt, und Ihr Geld haben Sie immer bekommen!”

Es gibt Menschen, die leiden an chronischer Realitätsverschiebung. Darunter sind ab und an auch mal Mandanten. Die versprechen viel, halten wenig und behaupten aber, absolut zuverlässig sein. Vor allem, wenn es ums Honorar geht. Vielleicht halten sie ihren Verteidiger ja auch nur für blöd, aber das will ich nicht unterstellen. Dann müssten sie ja im eigenen Interesse den Anwalt wechseln.

Jedenfalls habe ich gestern einen von dieser Spezies an der Strippe gehabt. Da steht demnächst eine Hauptverhandlung an und ich hatte ihm mehrfach gesagt, dass ich ohne ausreichenden Vorschuss weder zu einer Vorbesprechung noch zur Teilnahme an der Verhandlung bereit bin. Und zuvor müsste er erst mal seine Altschulden begleichen, die hier schon seit Jahren offen stehen. Als der Mann vor einigen Monaten in die Kanzlei kam, um mich zu mandatieren, war ich einigermaßen erstaunt, weil ich in der alten Sache seit langem gegen ihn vollstreckte. Da standen noch einige tausend Euro auf der Forderungsliste. “Sie bekommen Ihr Geld selbstverständlich”, meinte der Mann und schaute mich treuherzig an. “Ich habe doch immer mein Wort gehalten und Ihr Geld haben Sie immer bekommen!” Als er mein Kopfschütteln registrierte, fügte er hinzu: ” Na ja, meistens jedenfalls und ich habe mir immer Mühe gegeben!” Und dann erzählte er mir, dass er zwischenzeitlich andere Anwälte ausprobiert hätte, aber die könnten mir nicht das Wasser reichen, also ganz ehrlich nicht, und weil es jetzt brisant wäre, sei er halt wieder zu mir gekommen. “Das schaffen nur Sie, Herr Pohlen”, sagte er in der Inbrunst der Überzeugung ...

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