Wer nicht sehen will, muss fühlen. Eine Kritik der Rede vom multisensorischen Recht (Teil VI)

(Fortsetzung des Beitrags vom 6. März 2012). V. Themen, die für das multisensorische Recht in Anspruch genommen werden

1) Rechtsvisualisierung … 6) Juristische Ausbildung Die juristische Ausbildung verläuft seit Jahrhunderten in erstaunlich traditionellen Bahnen. Bis zur Jahrtausendwende gab es praktisch keine explizite juristische Fachdidaktik. Seither versucht man mit Macht, die Lücke aufzufüllen Dazu greift man hoffnungsvoll auch auf das Versprechen zurück, mit Hilfe von Bildern das Recht anschaulicher, verständlicher und merkfähiger zu machen.1 Der erste Blick geht in die Vergangenheit. Es gibt längst eine Fülle von Berichten über die Mnemotechniken, Memorialzeichen und -gebärden aus historischer Zeit. Der Rechtsbereich liefert hier oft die besten Beispiele. Wenn solche Berichte heute für die Relevanz des Multisensorischen angeführt werden, ist viel Nostalgie dabei. Es war gerade die überlegene Funktionalität der Schrift, welche die verkörperten Erinnerungshilfen verdrängt hat. Es gibt keinen Grund, sich das Zupfen der Ohren oder den Schlag auf die Ohren zurückzuwünschen, eine seit der Antike bekannte Methode, der Erinnerung nachzuhelfen2. Was bleibt, sind Spielchen nach dem Muster der alten Werbespruchs »In die Hände, meine Lieben, stehet Euch MM geschrieben. Also macht Natur Reklame für Matthäus Müllers Name.« In diesem Sinne habe ich gerne Ausländern Grundzüge des deutschen Rechtssystems zu vermitteln versucht, indem ich ein Stück Naturrecht3 angekündigt und meine Hand als Memorialhand hochgehalten habe: So wie die Hand fünf Finger hat, kennt das deutsche Recht fünf Gerichtsbarkeiten. Und so, wie jeder Finger drei Glieder besitzt, hat auch jede Gerichtsbarkeit drei Instanzen. Nur die Finanzgerichtsbarkeit begnügt sich – wie der Daumen – mit zwei Gliedern. (Ich suche noch nach einer Anwendung vergleichbar der Solmisation mit der Guidonischen Hand ...

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