Ende der Flitterwochen: Europa jenseits des Marktes

Von MORITZ HARTMANN und FLORIS DE WITTE

Sisyphos ist ein Gefangener der Unvermeidbarkeit: Der tragische Held der griechischen Mythologie muss für immer einen Felsbrocken den Hang hinaufrollen, auch wenn der Fels kurz vor dem Gipfel unaufhaltsam wieder hinunterrollt. Die Sisyphos’sche Perspektive der Vergeblichkeit erinnert an das Europa von heute: Europa ist ein Gefangener der Zirkularität der Märkte geworden. Die zirkulären Versuche der Politik, die Märkte zu stabilisieren, manifestieren das Primat des Ökonomischen über das Politische und verwässern demokratische Grundprinzipien, unterstellen die politische Gleichgültigkeit der europäischen Bürger und widersetzen sich den Kausalitäten von ökonomischer Theorie und politischer Praxis. Der Diskurs über die Zukunft Europas endet an den Grenzen des Nationalstaats. Die „Technokratie“ verteilt die Ressourcen, orientiert sich aber an den Sehnsüchten der Ökonomie. Und wir, die Europäer, werden beiseite geschoben. Wir sollen betäubt werden durch die machtvolle Sprache der Eurobonds und Wirkungshebel, der Haushaltsdisziplin und Schuldenbremse, der institutionellen Synergieeffekte und neuer Vertragsrevisionen. Die politischen Mechanismen folgen der Unvermeidbarkeit funktionierender Märkte und entsprechen doch nur einer schnellen Medizin gegen den oberflächlichen Schmerz. Aber die Medizin kann gar nicht helfen: das System selbst bereitet uns den Schmerz.

Es ist darum an der Zeit, die Stimme zu erheben. Die Stabilität der Märkte wird die Zukunft der jungen Europäer bestimmen. Wir verstehen unsere Lebensperspektive aber nicht einfach als Nebenkategorie von funktionierenden Märkten. Für uns ist Europa mehr als der Markt. Die Bürger Europas sind mehr als Verbraucher. Die politischen Zielvorgaben sollten deshalb den Markt sozial verträglich, der Markt aber nicht ausschließlich die politischen Verantwortungszusammenhänge ökonomisch verlässlich machen ...

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