Das “Gewissen von Moabit”

Wohl primär gerichtet auf Fälle, in denen Männer ihre Frauen töten oder Frauen ihre Männer töten, es also um die Tötung des Intimpartners, wie der Psychiater Wilfried Rasch sein 1964 erschienenes Buch titulierte, ging es dem berühmtesten Gerichtsreporter der Weimarer Republik mit seinen nachfolgenden Zitaten:

“Der Mensch, der schießt, ist ebenso unschuldig wie der Kessel, der explodiert, der Blitz, der einschlägt, die Lawine, die verschüttet. Alles tötet den Menschen, auch der Mensch tötet den Menschen.

Wann der Mensch tötet, ist so wenig voauszusehen wie der Zeitpunkt, wann der Blitz einschlägt. Aber die Bedingungen, unter denen die Natur gegen den Menschen wütet, sind nachträglich leichter zu erklären als der gewaltsame Ausbruch des Stücks Natur, das sich Mensch nennt. Um die Missetaten der Natur zu erklären, hat man allerhand Hilfsmittel ersonnen, z.B. Instrumente. Zur Erklärung der Explosion eines Menschen benutzt man die Psychologie.

Die Menschheit sucht sich gegen die Gewalt und die Willkür der Natur durch allerhand Erfindungen zu schützen, z.B. den Blitzableiter oder den Rettungsring. Um sich gegen den Menschen zu schützen, erfand der Mensch das Strafgesetz.”

In kritischer Absicht fährt Schlesinger fort:

“Nutzlosigkeit der Strafe im Sinn der Besserung und die Unschuld des Menschen gäben uns eigentlich Veranlassung, dies Strafgesetzbuch zu zerreißen; aber wir tun es nicht, denn noch blieb ein Strafzweck übrig; die Abschreckung. Seitdem strafen wir Unschuldige, um andere Unschuldige von der Explosion abzuschrecken. Wir (anderen) leben nicht gerne in der Nähe von explodierenden Unschuldigen, also lassen wir die Unschuldigen für uns sterben oder für uns im Gefängnis verkommen.”

Einfach köstlich – diese Zitate!

Paul Schlesinger, genannt Sling, war kein gelernter Journalist oder gar Jurist ...

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