Die bewegenden Reden der Angehörigen der Opfer rechten Terrors

Die Süddeutsche Zeitung hat heute ohne Kommentar die Rede dreier Angehöriger veröffentlicht, deren Väter bzw. Sohn von den Neo-Nazis der sog. Zwickauer Terrorzelle ermordet worden sein sollen. Auch für Verdächtige aus der Neo-Nazi-Szene gilt die Unschuldsvermutung. Und dennoch – die Reden anlässlich einer Gedenkveranstaltung für die NSU-Opfer im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt haben etwas selten Versöhnliches. Dem Vorbild der Süddeutschen folgend, sollen sie hier nicht weiter kommentiert werden.

Semiya Simsek: “‘Hörst du das? Die Glöckchen. Das sind die Schäfchen, die jetzt aus den Bergen runter ins Tal kommen. Das tun sie immer in der Nacht.’ Mein Papa erzählte gerne von sich und von seinen Träumen. Ich liebte es, ihm zuzuhören. Er saß in dieser warmen Sommernacht in unserem Garten in der Türkei und aß Kirschen. Ich setzte mich zu ihm und fragte ihn: ‘Kannst du nicht schlafen?’ ‘Doch Semiya’, sagte er, ‘ich möchte etwas hören.’ Und so lauschten wir zusammen dem Klang der Glöckchen der Schafe. Ich spürte, wie glücklich mein Vater in diesem Moment war.

Ein Jahr später war mein Vater tot. Am 9. September 2000 wurde auf meinen Vater Enver Simsek geschossen. Er starb zwei Tage später im Krankenhaus. Der erste Mord. Wir sollten keinen weiteren gemeinsamen Sommer mehr haben. Von einem Tag auf den anderen änderte sich für uns, für mich alles. Das alte Leben gab es nicht mehr. Mein Vater war tot. Er wurde nur 38 Jahre alt. Ich finde keine Worte dafür, wie unendlich traurig wir waren. Doch in Ruhe Abschied nehmen und trauern, das konnten wir nicht.

Die Familien, für die ich heute hier spreche, wissen, wovon ich rede. Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein. Immer lag da die Last über unserem Leben, dass vielleicht doch irgendwer aus meiner Familie, aus unserer Familie verantwortlich sein könnte für den Tod meines Vaters. Und auch den anderen Verdacht gab es noch ...

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