Wer nicht sehen will, muss fühlen. Eine Kritik der Rede vom multisensorischen Recht (Teil I)

Vorbemerkung: In diesem und weiteren Einträgen will ich den Vortrag wiedergeben, den ich auf der Berliner Tagung »Imago, Actio, Justitia – Bilder, Körper und Handlungen des Rechts« gehalten habe.

I. Es gibt kein multisensorisches Recht Es gibt Zivilrecht, es gibt Strafrecht, es gibt Staatsrecht. Aber es gibt kein multisensorisches Recht.1 Ich rede also über ein Phantom. Das bedarf wohl einer Begründung. Die werde ich nachliefern. Jetzt geht es nur um die Sprachregelung. Wie soll ich einen Gegenstand benennen, den es gar nicht gibt? Der Begriff eines Gegenstands suggeriert leicht seine Existenz. Das gilt verstärkt für eine Visualisierung. Was sich so vorzeigen lässt, muss doch ein Wesen haben. Um solcher Ontologisierung zu entgehen, ist in meiner Überschrift von der Rede vom multisensorischen Recht die Rede. Weil aber die Rede von der Rede zu umständlich ist, werde ich im Folgenden doch immer wieder vom multisensorischen Recht sprechen. Bitte denken Sie sich um den Ausdruck Anführungszeichen.

II. Von der visuellen Rechtskommunikation zum multisensorischen Recht Das »Multisensorische Recht« ist eine Erfindung der Schweizer Juristin Colette R. Brunschwig. Frau Brunschwig hat im Zentrum für rechtsgeschichtliche Forschung der Universität Zürich eine bemerkenswerte Datenbank mit historischen Rechtsbildern aufgebaut. 2001 hat sie ihre zu Recht hoch gelobte und viel zitierte Dissertation über die »Visualisierung von Rechtsnormen«2 veröffentlicht. Die Herkunft aus einem rechtswissenschaftlichen Institut ist kein Zufall. Erst wenige Jahre zuvor hatten auch Juristen unter dem Einfluss der neuen Medien die Bilder entdeckt. Bahnbrechend war ein großes Kapitel in dem Buch »Law in a Digital World« von Ethan M. Katsh, das 1995 erschien. Nun ging man auf die Suche nach Rechtsbildern und alsbald meldeten sich die Rechtshistoriker mit der Parole, »die hatten wir doch immer schon im Blick« ...

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