Wir urteilen unbelesen: Amerikanische Debatten über Juristenausbildung

Da war der Vater der amerikanischen Juristenausbildung ganz entschieden: nicht der Gerichtssaal schärft den Sinn für die feinen Unterschiede, sondern der Blick in Gesetz und Urteil, Fälle und Entscheidungen. Die Bibliothek sei für den Juristen, was das Labor den Chemikern sei und das Naturkundemuseum den Zoologen. Darum sei es auch nicht Erfahrung in einer Anwaltskanzlei oder vor Gericht, die für den Rechtsunterricht qualifiziere, sondern Erfahrung im Studium des Rechts.

Christopher Columbus Langdell, der 1870 zum Dekan der Harvard Law School ernannt wurde, setzte mit seiner case method die nachhaltigste Reform der Juristenausbildung seit den Zeiten der Glossatoren ins Werk – und forcierte eine Auseinandersetzung mit dem Recht, die Studierende zunächst einmal befähigen sollte, wie Juristen zu denken, bevor sie sich in der Rechtspraxis erproben. Seine induktive Fallmethode, zunächst kritisch beäugt, bestimmt seit neunzig Jahren die amerikanische Juristenausbildung. Angehende Richter und Anwälte brüten über abstrakten Fragen und hypothetischen Fallvarianten, in sokratischer Manier werden noch die kleinsten Details eines Rechtsfalls kontrovers ausgeleuchtet, oft im Kontext der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Kommt dabei die Rechtspraxis zu kurz? Versäumen Law Schools die Vermittlung des juristischen Handwerkszeugs, mit dem sich ihre Absolventen auf einem Arbeitsmarkt behaupten müssen, der härter umkämpft ist als je zuvor? Über diese Fragen tobt in den Vereinigten Staaten seit Monaten ein hitziger Streit, neben dem sich hiesige Diskussionen um Reformen der Juristenausbildung (F.A.Z. vom 14. Dezember 2011; leider ist der exzellente Konferenzbericht aus der Feder von Miloš Vec nicht frei im Netz verfügbar, eine auschlußreiche Tagungsreportage lässt sich aber auch bei Klaus F. Röhl nachlesen, sogar mit Fortsetzung) wie ein Sturm im Wasserglas ausnehmen ...

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