Amtsgerichtlicher Jojo-Effekt

Auch kleine Sachen werden gerne häufig verhandelt. So auch der Fall eines Autoaufbruchs. Dem Mandanten wurde vorgeworfen, ein Autoradio aus einem PKW geklaut zu haben. Ein Zeuge hat den Täter in flagranti erwischt. Der Täter sah den Zeugen, entschuldigte sich (höflich, nicht wahr?) und rannte davon. Später wurde im Rahmen einer Fahndung der Mandant aufgegriffen, weil er ungefähr auf die Beschreibung passte.

Der Zeuge musste dann zur Polizei, wo man ihm ein Bild des Mandanten vorlegte. “Das ist er“, hiess es dort wohl und so kam es dann zur Anklage.

Vor dem Amtsgericht verdonnerte ich den Mandanten zum Schweigen. Der Zeuge schilderte, was er erlebt hatte. Ja, der Angeklagte sei der Täter. “Ich habe ihm tief in die Augen gesehen. ” – “Wie lange?” – “Es war länger als ein Wimpernschlag, aber kürzer als ein Ave Maria.” Erste Zweifel kamen mir an dem Zeugen ob seiner verqueren Lyrik.

Der Staatsanwalt war sich dennoch sicher: Der Angeklagte war der Täter, kein Zweifel. Ich forderte natürlich Freispruch, dann das “letzte Wort” des Angeklagten. Anstatt zu schweigen, wie von mir auferlegt, wollte er noch was sagen. Der Dolmetscher übersetzte: “Ich entschuldige mich für das, was ich getan habe.” – da fiel mir doch etwas die Kinnlade runter, ich trat ihm schmerzhaft gegen das Schienbein und erklärte flugs, dass er sich bestimmt für die Vorstrafen entschuldigen wollte. Der Dolmetscher übersetzte kurz und dann: “Ja ja, für meine anderen Taten wollte ich mich entschuldigen.”

Natürlich kam es zur Verurteilung: 90 Tagessätze Geldstrafe.

Wir gingen in Revision und waren dort erfolgreich, denn auch das Oberlandesgericht war der Meinung, dass es nicht ausreicht, dem Zeugen nur ein Foto unter die Nase zu halten. Ein solches Vorgehen seitens der Polizei ist mehr als suggestiv. Oft vertrauen Zeugen den Ermittlungen der Polizei und bestätigen diese durch Abnicken ...

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