Die RAF-Gespenster

Rolf Heißler

Prozessual kann ich den gestrigen Tag des Buback-Prozesses gegen Verena Becker in einem Satz zusammenfassen: Alle vier Zeugen machten von ihrem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch und drei Störer erhielten Ordnungsstrafen. Atmosphärisch allerdings war es einer der bislang interessantesten Tage des Prozesses. Denn wesentliche Mitglieder der “zweiten Generation” der RAF erlaubten einen Einblick in ihre Geistesverfassung. In jeder Hinsicht war es “ohne Worte”.

Nach einer Streik- und verkehrsbedingten Verzögerung erschien als erster Zeuge Günter Sonnenberg. Er trug eine olivgrüne Outdoor-Jacke, eine Cordhose und Sportschuhe. Durch seine große, getönte Brille und die tief ins Gesicht gezogene Kapuze sah man zunächst fast nichts von seinem Gesicht. Er betrat den Gerichtssaal zusammen mit seinem Anwalt und setzte sich an den Zeugentisch. Als wenige Minuten später Verena Becker den Saal betrat, sprang er auf, ging zu ihr, sagte “Haaallooo” und umarmte sie mit einem schwer zu deutenden Grinsen. War es kindlich oder verlegen? Verena Becker schien die Umarmung eher zu erdulden, als zu erwidern.

Günter Sonnenberg (M.)

Der Vorsitzende Richter Hermann Wieland belehrte Sonnenberg sodann über seine Pflichten als Zeuge vor Gericht und über sein mögliches Auskunftsverweigerungsrecht. Diese Belehrung sollte er fast wortgleich bei allen Zeugen des Tages wiederholen: Zwar hätten die Zeugen aufgrund der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs wohl ein Auskunftsverweigerungsrecht, die Frage sei allerdings, ob es jenseits dieses Rechtes nicht auch eine höher stehende Moral gebe, die sie (die Zeugen) dazu bewegen könnten, von ihrem Recht nicht Gebrauch zu machen. Nach Verbüssung ihrer Haftstrafen habe sie die Gesellschaft wieder aufgenommen. Und eben die Gesellschaft, aber auch die Angehörigen der Opfer erwarteten nun Aufklärung ...

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