Zu viel Geschichten, zu wenig Geschichtsschreibung

Wie kann es sein, dass einer Haus und Hof und sein gesamtes Hab und Gut verkaufen, verschenken oder vererben kann? An einen Wildfremden womöglich? Und was wird aus der Familie? Aus Frau, Söhnen, Töchtern, anderen Verwandten? Darf der das? Nur, weil der das so will? Das soll Recht sein?

Sich mit Rechtsgeschichte zu befassen heißt, im scheinbar Selbstverständlichen das Unwahrscheinliche, das Enorme zu erkennen. Das, was heute Recht ist, ist es meist irgendwann erst geworden. Wie hat sich das zugetragen, und warum? Welche historische Situation hat die Ausdifferenzierung eines bestimmten Rechts erzwungen oder, je nachdem, behindert? Rechtsgeschichte ist eine juristische Disziplin, keine historische – sie stellt solche Fragen im Interesse, das Recht in seiner Tiefenschärfe zu erkennen.

Setzkastenmethode

Wer Uwe Wesels monumentale Geschichte des Rechts in Europa liest, dem wird es an Fragen dieser Art jedenfalls nicht mangeln. Wesel erzählt die europäische Rechtsgeschichte entlang der überkommenen Epocheneinteilung – Griechen, Römer, Früh- und Hochmittelalter, Frühe Neuzeit etc. – und stellt nach einem knappen allgemein-historischen Abriss der jeweiligen Epoche dar, was in den jeweiligen Rechtsgebieten und in den jeweiligen Regionen und Ländern für Recht gegolten hat. Das erinnert ein wenig an einen Setzkasten: Aus Epochen, Rechtsgebieten und Ländern ensteht eine dreidimensionale Matrix, die Wesel Kästchen für Kästchen getreulich mit Fakten auffüllt.

Das funktioniert unterschiedlich gut: In den Anfangskapiteln gelingt es Wesel teilweise sehr geschickt, im Geflimmer der Einzelheiten die großen Züge hervortreten zu lassen – beispielsweise bei der Frage, was der Übergang von der Stammesgesellschaft zur staatlichen Herrschaft für die Ausbildung des Strafrechts bedeutet hat ...

Zum vollständigen Artikel


Cookies helfen bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit der Cookie-Setzung einverstanden. Mehr OK