Eine verpasste Chance, ein wirklich gutes Buch zu schreiben

Nichts weniger als die „Domestizierung einer Illusion“ verspricht uns Jörg Fisch laut Untertitel seines Buches über das Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Das ist ein großes Wort, wie überhaupt das Buch große Erwartungen weckt: Seit mehr als zweihundert Jahren hält die Idee, dass jedes Volk ein Recht auf einen eigenen Staat hat, die Weltgeschichte in Aufruhr. Seit der Unabhängigkeitserklärung der nord- und südamerikanischen Staaten gehört sie zum Inventar der Diplomatie, seit den UN-Menschenrechtspakten von 1966 ist sie verbindliches Völkerrecht. Sie zersprengte die großen Imperien der Kolonialreiche, sie befreite die Völker Afrikas und Asiens aus der europäischen Fremdherrschaft. Erst in letzter Zeit, so scheint es, unter dem Eindruck der Blutbäder in Bosnien, Tschetschenien und dem Kosovo kippt die Festbeleuchtung, in der diese Idee erstrahlt, ins Zwielichtige.

Was hätte das für ein Buch werden können. Der Geschichte dieser schillernden Idee auf die Spur zu kommen, ihren Zeitbedingtheiten und Funktionswandlungen nachzugehen, sie zu kontextualisieren und zu historisieren – das wäre den Schweiß eines Historikers wahrhaftig wert gewesen.

Doch ein solches Buch hat Jörg Fisch, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich, leider nicht geschrieben.

Mythifizierung des Selbstbestimmungsrechts

Fisch beginnt sein Buch mit dem – für einen Historiker an sich schon erstaunlichen – Versuch, eine „Theorie der Selbstbestimmung“ aufzustellen, also eine aus jedem historischen Kontext herausgelöste Essenz des Begriffes Selbstbestimmung zu finden ...

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